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Eva-Maria Mingram-Gofferjé bei Entgegennahme Ihrer Urkunde bei der Mitgliederversammlung 2023

Eva Mingram berichtet über ihr Leben mit Diabetes-Technologie

Meine persönlichen Meilensteine in 60 Jahren Diabetes

Am 24. Juni 2023 wurde ich von „Diabetiker Hessen e.V.“ für meine 50-jährige Mitgliedschaft geehrt.

An diesem Tag gab Herr Dr. Jung, Chefarzt der Diabetologie am Krankenhaus Sachsenhausen, einen Rückblick über die technischen Entwicklungen nahezu eines ganzen Jahrhunderts, in dem der Diabetes nun schon behandelt werden kann. Vielen „guten Bekannten“ aus meiner mehr als 60-jährigen Diabeteszeit begegnete ich bei diesem Vortrag.

Ich vermisse sie nicht, habe ihnen aber viel zu verdanken:

Die Glasspritze

Bild: Prof. Dr. med. C. Rosak

Um diesen Gegenstand drehte sich in meiner Familie nahezu alles, seit ich 1962 im Alter von zweieinhalb Jahren mit der Diagnose Diabetes aus dem Krankenhaus entlassen worden war. Tief verstört durch die vierwöchige, radikale Trennung von meiner Familie, lernte ich zu begreifen, dass die schier endlose Stecherei mich auch nach Hause begleitete und es nun jeden Tag einen Pieks in den Oberschenkel gab.

Eine alte Schulfreundin, die ich kürzlich wieder traf, sagte rückblickend:

„Ich sehe noch  deine Mutter am Herd stehen und Nadeln statt Nudeln kochen.“.

Es galt eine Faustregel: Wenn an der mehrfach zu benutzenden Kanüle, die nebst Spritze in einem Metallbehälter mit Alkohol aufbewahrt wurde, beim darüberstreifen mit einem Wattebausch Fusseln hängen blieben, war sie stumpf und musste  gewechselt werden. Oder besser gesagt: Sie durfte gewechselt werden. Ich hatte große Scheu vor dieser Apparatur und weigerte mich lange, selbst spritzen zu lernen. An der Vorderseite des Oberschenkels tat es obendrein einfach zu sehr weh.

Glucotest-Streifen:

Bild: Prof. Dr. med. C. Rosak

Die „gelbe Rolle“ war der ständige Begleiter meiner Kindheit. Von einer Möglichkeit der direkten Blutzuckermessung zu Hause konnte man damals nur träumen. Tagesprofile beim Arzt fielen – wahrscheinlich der Aufregung und des Aufwandes wegen – immer viel zu hoch aus. Dann drohte der gefürchtete Krankenhausaufenthalt, und das sorgte wiederum für Angst und eine Menge Stress.

Also verzichteten meine Eltern fortan ganz auf die Tagesprofile und verließen sich auf engmaschige Urin-Zuckerkontrollen. Die Intensität der Grünfärbung, die den Urin-Zuckergehalt anzeigte, gab unbestechlich Auskunft. Das Messen des Urinzuckers war ein strikt einzuhaltendes tägliches Ritual. Blieb die Grünfärbung ganz aus, drohte ein Unterzucker, den ich aber schnell selbst zu erspüren lernte. Gnadenlos waren vor allem die Testtabletten auf Ketonkörper. Fiel dieser Test positiv aus, wurde die Schule an diesem Tag gestrichen und ich musste für den Rest des Tages zu den Hauptmahlzeiten ausschließlich Haferbrei (mit Wasser und sehr wenig Salz gekocht) essen. Mich schaudert noch heute bei dem Gedanken daran.

Drei Dinge brachten 1973 zeitgleich einen Riesenfortschritt in mein Diabetiker-Leben.

Die Plastikspritze:

Bild: Prof. Dr. med. C. Rosak

Ein Meilenstein für mich!
Damit traute ich, mich ohne Weiteres selbst zu spritzen. Auch erfuhr ich, dass an meinem Körper noch andere Spritzstellen in Frage kamen, und der Oberarm wurde zur bevorzugten Stelle für meine nun zweimal täglichen Spritzen. Auch das Aufziehen des Insulins, einschließlich dem Mischen zweier verschiedener Insuline, war nun ein Kinderspiel.

In meiner ersten Euphorie sammelte ich die gebrauchten Spritzen in einem Karton unter meinem Bett, um später einmal aus vielen Hundert Spritzen ein Kunstwerk zu gestalten. Leider war meine Mutter entsetzt über diese kreative Anwandlung und man bekam Angst, der Diabetes könne „vielleicht doch auf den Verstand schlagen“.

Dextrostix-Teststreifen:

Bild: Prof. Dr. med. C. Rosak

Damit konnte man selbst – wenn auch nur in groben Schritten – den Blutzucker testen. Zumindest wusste man nun, ob der Wert eher hoch oder eher niedrig war. Das gab ein völlig neues Sicherheitsgefühl.

Dazu erhielt ich Lanzetten zur Blutgewinnung, die mit ein wenig Übung auch die Angst vor dem Fingerpieks milderten.

Diabetiker-Eis:

Hatte man mir elf Jahre lang Magerquark als Eis-Ersatz serviert, gab es nun auch für Diabetiker „richtiges“ Eis zu kaufen. Ich wähnte mich im Paradies! Dazu trug auch erheblich bei, dass ein bekannter Kaufhaus-Mogul jener Zeit Diabetes bekam und fortan ein beachtliches Sortiment an Leckereien für Diabetiker führte. Nun gab es Getränke in handlichen Tetra Packs und vieles, wenn auch mit Süßstoffen oder Fruchtzucker gesüßt, was ich bisher nur vom Sehen und Schnuppern kannte.

Als ich 1981 – gegen den dringlichsten Rat meiner Familie, aber unterstützt von meinen Ärzten – schwanger wurde, sollte ich meinen Blutzucker nie über 140mg/dl steigen lassen.

Bild: Prof. Dr. med. C. Rosak

Da gab es schon das Blutzuckermessgerät „Reflomat“, das mit mehr als Eintausend D-Mark für meinen Mann und mich unerschwinglich war. Erst nach heftigem Kampf stimmte meine Krankenkasse einer Kostenübernahme zu.

Die Insulinpumpe

Bild: Prof. Dr. med. C. Rosak

… erhielt ich im Jahr 1985 während meiner zweiten Schwangerschaft. Was tut man nicht alles für noch bessere Werte und einen glücklichen Ausgang der Schwangerschaft! Für meinen Alltag überzeugte mich die Pumpe jedoch nicht, und nach der Geburt meiner zweiten Tochter gab ich das Gerät gerne wieder ab. Zu meiner Begeisterung waren jetzt auch die Einwegspritzen passé und ich erhielt etwas Neues.

Der Pen:

Bild: Prof. Dr. med. C. Rosak

Bequemlichkeit pur für mich!
Er wurde ja auch stetig verbessert und machte vor allem unterwegs das Spritzen total easy. Was wolle ich mehr? Die Technik ging mit Riesenschritten voran, Diabetes und PC gingen vor allem für die jungen Diabetiker bald Hand in Hand.

Blutzuckermessgeräte

Bild: Prof. Dr. med. C. Rosak

Dass Ende der Achtziger Jahre auch handlichere und unkompliziert zu bedienende Blutzuckermessgeräte auf den Markt kamen, gab mir das Gefühl, optimal und besser denn je für den Umgang mit meinem Diabetes gerüstet zu sein.

Doch es kam noch besser!

Freestyle Libre

Bild: Fa. Abbott

Die letzte Errungenschaft, auf die ich mich 2017 nur zu gerne einließ. Mittlerweile funktioniert das Blutzuckermessen wie ein Blick auf die Uhr. Das hätte ich mir nie träumen lassen! Jawohl, immer noch schaue ich auf die Uhr, denn ich gehöre zu der seltenen Spezies, die auf ein Smartphone verzichtet. An Insulinpumpensystemen bin ich nicht interessiert. Ich glaube nicht, dass diese ganze Technik meinen HbA1c-Wert eklatant verbessern würde.

Fazit

Bild: viopix

Mein Diabetes und ich sind ein Team. Noch will ich ihm aber nicht meine gesamte Freizeit widmen. Wenn er sich jedoch im Laufe der nächsten Jahre weitere „Mitstreiter“ aus dem Katalog der möglichen Folgeerkrankungen dazu holt, sehen wir weiter…

QUELLENANGABE

Autorin: Eva-Maria Mingram-Gofferjé
Kontakt: Riedrain 10, 65936 Frankfurt

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